BRAK-Magazin Ausgabe 5/2026

BRAK MAGAZIN 5/2026 9 1922. ERSTER ARBEITSTAG. ENDLICH. Sechs Jahre wartete Maria Otto aufs zweite Examen – dann schrieb sie Geschichte Ass. jur. Anja Jönsson, BRAK Berlin DIE UNMÖGLICHE KARRIERE Ende des 19. Jahrhunderts war Jura die Domäne des deutschen Mannes schlechthin – rational, staatstragend, unantastbar. Frauen galten als zu emotional, zu wenig abstrakt denkend, biologisch ungeeignet. Da deutsche Universitäten ihnen verschlossen blieben, wichen Pionierinnen wie Anita Augspurg ins liberalere Ausland aus: 1897 promovierte sie in Zürich – und widerlegte damit, was deutsche Professoren kategorisch behaupteten. In Deutschland öffnete sich die erste Tür zur Jahrhundertwende: Baden erlaubte 1900 als erstes Land Frauen das Jurastudium, Preußen folgte widerwillig 1908. Doch selbst wer brillante Examina ablegte, blieb blockiert: Das Richteramt galt als „männlicher Natur“, und weil die Anwaltszulassung daran gekoppelt war, blieb sie unerreichbar. Viele der Pionierinnen schufen sich Nischen – Rechtsschutzstellen für Frauen, Kanzleiassistenzen – und gründeten 1914 den Deutschen Juristinnenverein, um ihren Forderungen politisches Gewicht zu verleihen. BIOLOGISCH DISQUALIFIZIERT Der hartnäckige Widerstand der konservativen Justiz wirkt aus heutiger Sicht absurd. Noch im Januar 1922 ließ der Deutsche Anwaltsverein den Psychologen Paul Julius Möbius zitieren, wonach „übermäßige Gehirntätigkeit“ das Weib„verkehrt und krank“ mache. Der Potsdamer Landgerichtsdirektor Stadelmann warnte vor der „seelischen Eigenart“ der Frau, die durch „Monatsperiode, Schwangerschaft und Wechseljahre“ beeinflusst sei – und sie damit für das Richteramt disqualifiziere. Es war der ernstgemeinte Abwehrkampf einer Elite, die um ihre Privilegien fürchtete. Den Durchbruch erzwangen schließlich weibliche Reichstagsabgeordnete: Das Frauenwahlrecht von 1918 verschob die Machtverhältnisse; Art. 109 der Weimarer Verfassung garantierte formale Gleichstellung. SECHS JAHRE WARTEN Maria Otto war längst bereit, als der Gesetzgeber endlich nachzog. Bereits 1916 hatte die Münchnerin ihr erstes juristisches Staatsexamen mit „gut“ bestanden. Doch als Frau blieb ihr der reguläre Vorbereitungsdienst versperrt; sie durfte nur „informatorisch“ bei Gerichten, Behörden und in einer Anwaltskanzlei arbeiten. Mehrfach beantragte sie erfolglos die Zulassung zum zweiten Staatsexamen. Erst 1922 durfte sie antreten – und bestand. Wenige Monate später, am 11.7.1922, machte das Gesetz über die Zulassung von Frauen zu den Berufen der Rechtspflege den Weg frei. Am 7.12.1922 wurde Maria Otto als erste Frau in Deutschland zur Anwaltschaft zugelassen. Ihr Name steht für eine ganze Generation, die nicht aufgegeben hatte. Der Alltag blieb dennoch hart: Bis 1933 wurden nur rund 250 Anwältinnen zugelassen – bei 19.000 männlichen Kollegen ein Anteil von mageren 1,3 %. Dann kam 1933, und der kurze Frühling endete brutal. Jüdische Juristinnen wurden sofort aus dem Beruf gedrängt, ab 1936 faktisch alle Frauen. Einzig der Kriegsmangel an Männern führte ab 1939 zur zynischen Kehrtwende: Frauen als „Notvertreterinnen“ – geduldet, nicht anerkannt. PARITÄT IM HÖRSAAL, GLAS IM CHEFBÜRO Die Nachkriegsgeschichte verlief zweigleisig: Die DDR trieb Frauenerwerbstätigkeit ideologisch voran und erreichte in der Justiz früh Quoten über 30 % – unter staatlich kontrollierten Bedingungen. Die BRD garantierte ab 1949 formale Gleichstellung, aber das bis 1977 im BGB verankerte Leitbild der Hausfrauenehe bremste Karrieren massiv. 1960 lag der Frauenanteil in der Anwaltschaft bei 3 %. Heute stellen Frauen über 50 % der Jurastudierenden und knapp 38 % der Anwaltschaft. Und doch: In den Top-Wirtschaftskanzleien liegt der Frauenanteil auf Partner-Ebene bei nur 15 %. Die „Billable Hours“-Kultur und fehlende Flexibilität treiben viele Frauen zwischen dem fünften und siebten Berufsjahr aus den Großkanzleien – genau dann, wenn Karriere und Familienplanung kollidieren. Ein Jahrhundert nach Maria Otto ist die Frage nicht mehr, ob Frauen Anwältinnen sein können. Die Frage ist, warum Spitzenkarrieren noch immer einen Preis haben, den überwiegend Frauen zahlen. Dr. Maria Otto Foto: Philipp Kester – CC BY-SA 4.0

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