BRAK-Magazin Ausgabe 3/2026

BRAK MAGAZIN 3/2026 11 Bundesrechtsanwaltskammer und Präsidentin der Rechtsanwaltskammer Sachsen, räumte mit diesem Klischee auf – und zwar an sich selbst. Ihre erste Station war Zwickau, unfreiwillig gewählt, doch sie erwies sich als Glücksfall: echte Mandatsarbeit, frühe Verantwortung – und Ausbilder, die später Spitzenpositionen am Bundesgerichtshof besetzten. Was sie dagegen aus einer britischen Großkanzlei mitnahm, klang ernüchternder: ein „verdammt gut bezahlter Sachbearbeiter“, der Mietverträge wälzt, ohne je einen Mandanten zu sehen. Je kleiner die Kanzlei, desto näher am Mandanten – und an der eigentlichen Arbeit. Und auch die Angst vor der Verschuldung bei der Kanzleigründung entzauberte sie pragmatisch: Ein Gründungskredit sei oft geringer als der Preis eines Mittelklassewagens. Rechtsanwältin Dorothea Hänel-Lange (Halle/ Saale) schilderte offen die Zerreißprobe zwischen Kanzleiaufbau und Mutterschaft. Den Wendepunkt brachte für sie die Spezialisierung: Mit dem Fachanwaltstitel für Verkehrsrecht 2019 gelang ihr der Durchbruch. Ihr Rat: „Sucht euch etwas, das euch Spaß macht, denn in dem, was man gerne macht, ist man gut.“ Die größte Errungenschaft der Selbstständigkeit: die Freiheit, Fälle ablehnen zu können und keinem Vorgesetzten Rechenschaft schuldig zu sein. Annika Seebach, Anwaltsnotarin aus Kassel, war wetterbedingt zwar nur online zugeschaltet, hinterließ aber dennoch Eindruck im Saal. Sie brachte die nüchternste Zahl des Abends mit: Über 50 Prozent Frauen im Jurastudium – aber nur 37,9 Prozent in der aktiven Anwaltschaft. Irgendwo zwischen Examen und Berufsleben verschwinden also jede Menge Frauen – warum? Weil man ihnen erklärt, Kanzlei und Familie seien nicht miteinander zu vereinbaren. Seebach selbst wurde das entgegengehalten, als sie ankündigte, Notarin werden zu wollen. Die Reaktion ihrer damaligen Kanzlei: Das gehe nicht. Sie sei eine Frau. Sie werde schwanger werden. Ihre Reaktion: kündigen, Fachprüfung, Selbstständigkeit. Heute lädt sie mit „give a girl a robe“ jährlich zum Weltfrauentag zum Beweis des Gegenteils. Der Hallenser Rechtsanwalt Tobias Küverling präsentierte einen Weg, den er selbst nicht geplant hatte: den des Syndikusrechtsanwalts. Ein Headhunter sprach ihn an, heute beschreibt er seine Rolle plastisch als „Anwalt mit nur einem Mandanten“. Die Arbeit im internationalen Vertragsrecht empfindet er als anspruchsvoll, die Weisungsgebundenheit und fehlende Möglichkeit zur Prozessführung als Einschränkung. Sein Rat: Spezialisierung vom eigenen Interessenschwerpunkt her denken – und keine voreiligen Entscheidungen treffen. Seine selbstständige Zulassung hält er aufrecht. FAZIT Was alle Beiträge beider Podien verband, war die Betonung individueller Gestaltungsmöglichkeiten. Die Anwaltschaft bietet Raum für unterschiedlichste Lebensentwürfe – ob Großkanzlei oder Einzelkämpferin, Syndikus oder Spezialkanzlei, Stadt oder Land. Entscheidend ist der Mut, eigene Wege zu gehen, früh praktische Erfahrungen zu sammeln – und nicht darauf zu warten, bis der perfekte Moment kommt. Das Panel (v.l.n.r.): Stephan Kemper, Dr. Christian Hilger, Lucas Mai, Stephanie Beyrich, Guido Kutscher, Dr. Winfried Kluth (online zugeschaltet: Annika Seebach) Foto: RAK Sachsen-Anhalt

RkJQdWJsaXNoZXIy ODUyNDI0