BRAK-Magazin Ausgabe 3/2026

BRAK MAGAZIN 3/2026 10 DER ANWALTSBERUF – SPANNENDER DENN JE Die Regionalkonferenz der Rechtsanwaltskammer Sachsen-Anhalt Ass. jur. Anja Jönsson, BRAK, Berlin „Der heiße Scheiß ist immer noch der Anwaltsberuf!“ Unerwartet direkt eröffnete Stephanie Beyrich, Pressesprecherin der Bundesrechtsanwaltskammer, die Regionalkonferenz der Rechtsanwaltskammer Sachsen-Anhalt. Und damit hatte sie die Aufmerksamkeit der Zuhörenden – in der Mehrheit Studierende – sofort. Draußen lag Halle verträumt im Schnee. Drinnen, im Halleschen Saal der Burse zur Tulpe, wurde über einen Berufsstand diskutiert, der alles andere als eingeschlafen ist. Die Regionalkonferenz an der Martin-LutherUniversität Halle (MLU) war viel mehr als eine Informationsveranstaltung: Sie war ein Plädoyer für einen Berufsstand, der gesellschaftlich unverzichtbar ist. Praktiker:innen, Studierende und Wissenschaftler:innen zeigten in zwei Podien, warum der Anwaltsberuf zwischen Tradition und Transformation spannender ist denn je. MEHR AUSTAUSCH, WENIGER DISTANZ Guido Kutscher, Präsident der Rechtsanwaltskammer Sachsen-Anhalt, lieferte den nüchternen Befund: Von 1.890 zugelassenen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten in der Nachwendezeit ist die Mitgliederzahl der Kammer auf 1.382 (Stand 1.1.2026) gesunken. Die Kollegenschaft leide unter Überlastung durch fehlenden Nachwuchs, das Geschäftsmodell habe sich gewandelt: Früher war die Kanzlei verkaufbare Altersvorsorge, heute gehe es um den Erhalt der juristischen Infrastruktur. Dass die Kammer ihre Konferenz an der Universität veranstaltete, folgte insoweit einer klaren Diagnose: Studierende wissen schlicht zu wenig über Einstiegsmöglichkeiten in den Anwaltsberuf. Kutschers Appell richtete sich an beide Seiten – an Studierende, den Beruf aktiv zu erkunden, und an Anwältinnen und Anwälte, Türen zu öffnen. VOM HÖRSAAL IN DIE KANZLEI – PRAXIS ALS SCHLÜSSEL Das erste Podium widmete sich der Frage, wie der Weg vom Studium in die anwaltliche Praxis gelingt – und warum er früh beginnen sollte. Der Magdeburger Rechtsanwalt Dr. Christian Hilger machte deutlich, warum theoretisches Wissen allein nicht ausreicht: Jenseits der juristischen Logik spielten Faktoren eine Rolle, die im Studium kaum vorkämen. Sein Rat: Nebenjobs direkt bei der Anwältin oder beim Anwalt suchen. Seine studentische Hilfskraft Sarah Meyer bestätigte den Motivationsschub aus erster Hand – die Kanzleiarbeit helfe, die Materie besser zu verstehen, und vermittle die wichtige Erkenntnis, dass man nicht sofort alles perfekt beherrschen müsse. Rechtsanwalt Stephan Kemper aus Halle/Saale sprach sich klar gegen die Anwaltsstation als „Tauchstation“ im Referendariat aus: Das Wissen, das man durch aktives Tun erwerbe, lasse sich nicht durch reines Aktenstudium ersetzen. Sein Tipp: die „Wald-und-Wiesen-Kanzlei“, wo das Wissensspektrum breiter gefächert sei und man schneller in die volle Bandbreite anwaltlicher Arbeit hineinwachse. Einen spontanen und überzeugenden Beitrag lieferte Student Lucas Mai, der kurzfristig aus dem Publikum als Gesprächsgast einsprang. Als MootCourt-Teilnehmer präsentierte er den Soldan-Moot Court als exzellentes Trainingsfeld: Anders als in Klausuren ermögliche der mehrmonatige Prozess eine intensive, ganzheitliche Auseinandersetzung mit einem Fall. Bereits Studierende aus dem zweiten Semester entwickelten dabei rhetorische Fähigkeiten, die weit über das akademische Standardmaß hinausgehen – Mai bewies das mit seinem Auftritt eindrucksvoll selbst. Den Abschluss des ersten Podiums bildete Prof. Dr. Winfried Kluth, Universitätsprofessor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gesetzgebung. Er stellte ein ungewöhnliches Lehrformat vor: 2025 wurde erstmals ein Nachwuchspreis ausgelobt, bei dem Studierende einen Gesetzentwurf zur Sicherung anwaltlicher Rechtsberatung im ländlichen Raum erarbeiten sollten – ein Team der MLU gewann. Kluths Botschaft: Wer Recht nicht nur anwendet, sondern macht, begreift, dass juristische Präzision und gesellschaftliches Verständnis gleichermaßen gefragt sind. Sein Appell: juristisches Engagement außerhalb des Curriculums ist Ausbildung und Investition in sich selbst zugleich. KARRIEREWEGE JENSEITS DER SCHABLONE Das zweite Podium öffnete den Blick auf unterschiedliche Berufsrealitäten – und bewies, wie vielgestaltig die Anwaltschaft ist. Kleine Kanzlei, Provinzstadt, kein Karrieresprungbrett? Sabine Fuhrmann, Vizepräsidentin der

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