BRAK-Magazin Ausgabe 2/2026

BRAK MAGAZIN 2/2026 14 FRAUEN IN DER GROSSKANZLEI Rechtsanwältin Katharina Humphrey, München* Als Partnerin in einer internationalen Großkanzlei erlebe ich täglich, wie weit wir Frauen in der Anwaltschaft in den letzten Jahren gekommen sind. Als ich 2012 bei Gibson Dunn als Associate angefangen habe, gab es noch keine Frau in der Partnerschaft in Deutschland. Das ist heute anders – und mehr noch: Gibson Dunn wird inzwischen global von einer Frau geführt. Die Diskussion über Frauen in der Partnerschaft ist längst keine Randdebatte mehr, sondern ein zentraler Bestandteil der strategischen Ausrichtung vieler Kanzleien. Dennoch zeigt die Praxis: Von einem ausgeglichenen Verhältnis von Männern und Frauen auf Partnerebene sind die meisten Kanzleien weiterhin deutlich entfernt. STRUKTURELLE HÜRDEN Eine der größten Herausforderungen liegt nach wie vor in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Arbeit in einer großen Wirtschaftskanzlei ist geprägt von hoher Arbeitsbelastung, internationaler Taktung und nicht selten kurzfristigen Anforderungen. Das führt zwangsläufig zu Spannungen mit familiären Verpflichtungen – v.a. wenn die Kinder noch klein sind. Schon kleine Unwägbarkeiten im Alltag, etwa ein Ausfall in der Kinderbetreuung oder ein kurzfristiger Mandantentermin, können selbst die beste Planung ins Wanken bringen. Als Mutter zwei kleiner Kinder erlebe ich diese Herausforderung jeden Tag. In den letzten Jahren hat sich mit Blick auf flexible Arbeitsmodelle viel getan. Ob diese jedoch ohne Qualitätseinbußen für Mandanten und Mitarbeitende funktionieren, hängt maßgeblich von der gelebten Teamkultur in der Kanzlei ab. Nur wenn es selbstverständlich ist, füreinander einzuspringen und das gemeinsame Ergebnis in den Vordergrund zu stellen, können solche Modelle nachhaltig funktionieren. Erfreulicherweise gibt es hier inzwischen viele Erfolgsgeschichten in Großkanzleien – mitunter gelingt dies dort sogar besser als in anderen Bereichen wie etwa der Wissenschaft oder dem öffentlichen Dienst. ERFOLGSFAKTOREN Wenn wir den Anteil von Frauen in Führungspositionen nachhaltig erhöhen wollen, müssen wir an verschiedenen Stellschrauben ansetzen. Ein wesentlicher Faktor ist die frühzeitige Einbindung in Mandatsarbeit mit hoher Sichtbarkeit. Wer regelmäßig an strategisch wichtigen Mandaten arbeitet und direkten Kontakt zu Mandanten hat, baut nicht nur fachliche Expertise, sondern auch Vertrauen und ein eigenes Profil auf. Ebenso zentral ist die gezielte Förderung von Netzwerken. Starke interne sowie externe Verbindungen erhöhen die Sichtbarkeit und eröffnen strategische Chancen. Kanzleien, die solche Netzwerke unterstützen, stärken damit unmittelbar ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit. Letztlich ist aber auch hier die richtige Kanzleikultur entscheidend. Eine nachhaltige Frauenförderung entsteht dort, wo wirtschaftliche Ziele und Diversität nicht als Gegensätze verstanden werden, sondern wo verstanden wird, dass Teams, die vielfältig aufgestellt sind, oft besser, innovativer und näher an den Bedürfnissen der Mandanten beraten. MENTORING Jungen Kolleginnen rate ich: Seien Sie mutig in Ihren Entscheidungen und trauen Sie sich, Verantwortung zu übernehmen. Perfektion ist hierbei kein realistischer Maßstab. Entscheidend ist vielmehr die Bereitschaft, sich weiterzuentwickeln, Verantwortung anzunehmen und aus Fehlern zu lernen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die eigene Sichtbarkeit. Exzellente Arbeit allein genügt nicht immer; sie muss auch wahrgenommen werden. Positionieren Sie sich klar, bringen Sie sich aktiv in Mandate ein und zögern Sie nicht, Ihre Erfolge zu kommunizieren. Und machen Sie sich aktiv auf die Suche nach dem richtigen Mentor oder, noch besser, nach mehreren Mentoren. Ohne Unterstützung bei der fachlichen wie auch persönlichen Entwicklung sowie beim Öffnen von Türen geht es meiner Erfahrung nach nicht oder zumindest wesentlich schwerer. Und schließlich: Definieren Sie Ihren eigenen Karriereweg. Es gibt – insbesondere auch mit Blick auf Familie und Beruf – nicht das eine richtige Modell. Entscheidend ist immer, dass der gewählte Weg zu Ihren eigenen Lebenszielen passt. Foto: Gibson Dunn_press Katharina Humphrey ist Rechtsanwältin und seit 2023 Partnerin bei Gibson Dunn. Sie ist spezialisiert auf Wirtschaftsstrafrecht und Compliance. * Die hier geäußerten Ansichten sind die der Autorin und spiegeln nicht zwingend die Ansichten der Kanzlei wieder.

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