BRAK-Magazin Ausgabe 2/2026

BRAK MAGAZIN 2/2026 12 BAU DIR DEIN EIGENES MODELL Weniger steif, mehr Haltung: Wie Annika Seebach Juristerei neu denkt Notarin, Fachanwältin für Erbrecht, Kanzleigründerin, Social-Media-Stimme – Annika Seebach sprengt das Klischee des verstaubten Juristenberufs gleich mehrfach. Sie räumt mit Vorurteilen auf und macht Recht greifbar: Ihr Anspruch, Mandantinnen und Mandanten auf Augenhöhe zu begegnen, bringt frischen Wind in eine konservative Zunft – und zeigt, wie Empowerment in der Praxis aussehen kann. Liebe Frau Seebach, Ihr Slogan lautet „give a girl a robe and she can conquer the world“. Der Frauenanteil in der deutschen Anwaltschaft liegt bei ca. 38 %. Welchen Teil der Welt müssen Juristinnen als Erstes erobern, um echte Parität zu erreichen? Parität entsteht nicht durch mehr Einstieg, sondern durch mehr Aufstieg. Die entscheidende Frage ist: Wer trifft die Entscheidungen in Partnerschaften, Notariaten und Führungspositionen? Gleichberechtigung bedeutet mehr als Zugang: Sie bedeutet echte Teilhabe an Verantwortung. Frauen müssen das System nicht nur mittragen, sondern mitprägen. Was sagen Sie einer jungen Kollegin, die eine exzellente Juristin ist, aber das finanzielle Risiko einer eigenen Kanzlei scheut? Es braucht Mut, diesen Schritt zu gehen. Aber genau darin liegt die größte Chance. Ich erhalte immer wieder Nachrichten von Frauen, die berichten, dass sie meine Gründung verfolgt haben und es ein Anstoß für sie war, selbst diesen Weg einzuschlagen. Das erfreut mich jedes Mal aufs Neue und es zeigt v.a., wie sehr es an Sichtbarkeit auf diesem Gebiet fehlt. Das möchte ich ändern. Sie möchten den Gang zum Anwalt so angenehm wie möglich gestalten. Inwiefern unterscheidet sich eine weiblich geführt Kanzlei von der traditionell eher steifen Anwaltskultur? Ich würde das nicht ausschließlich an „weiblich“ festmachen. Mir geht es darum, den Gang zum Anwalt neu zu denken: klar, verständlich und auf Augenhöhe, gerade in entscheidenden Lebensmomenten. Für mich heißt das: Offenheit statt Distanz, weniger steif, mehr echte Begegnung. Frauen sind im Notariat noch stärker unterrepräsentiert als in der Anwaltschaft. Welche Hürden gab es für Sie auf dem Weg zur Notarin, die männliche Kollegen vielleicht gar nicht auf dem Schirm haben? Der Weg ins Notariat erfordert neben fachlicher Qualifikation vor allem langfristige Planung und Durchhaltevermögen. Diese Phase fällt oft in eine Zeit, in der parallel zentrale Lebensentscheidungen getroffen werden. Das ist keine formelle Hürde, aber eine reale. Meine größte Herausforderung war, für dieses Amt alles neu auszurichten und den Weg über die eigene Gründung zu gehen, weil sich andere Wege nicht eröffnet haben. Dabei habe ich durchaus wahrgenommen, dass an Frauen teilweise andere Erwartungen gestellt werden. Wie lässt sich das moderne Verständnis von Flexibilität mit den starren Strukturen des Notariats in Einklang bringen? Das Notariat bringt feste Präsenz- und Amtspflichten mit sich und wird deshalb oft als wenig flexibel wahrgenommen. Vieles ist eine Frage der Organisation. Mit klaren Abläufen und einer guten Vertretung lassen sich im Alltag durchaus Spielräume schaffen. Gleichzeitig habe ich mir ein starkes Team aufgebaut, das mich unterstützt und die Abläufe trägt. Hatten Sie auf Ihrem Weg selbst Mentorinnen oder haben Sie Ihre Rolle als „Role Model“ komplett ohne Blaupause erarbeitet? Ganz ehrlich: Nein. Es gab keine Frau, an der ich mich orientiert habe. Die Menschen, die mich geprägt haben, waren Männer, vor allem meine Ausbilder, sowohl in Hamburg als auch in New York. Sie haben mir die Anwaltschaft gezeigt, sich Zeit genommen und meine Stärken gesehen. Das hat mich auf meinem Weg sehr ermutigt. Genau das versuche ich heute weiterzugeben. Die Referendarausbildung liegt mir sehr am Herzen. Wenn Sie heute vor einem Hörsaal voller Erstsemester-­ Studentinnen stünden: Welchen Rat würden Sie ihnen geben, den man in keinem Lehrbuch zum Sachenrecht findet? Warte nicht darauf, dass dir jemand sagt, wie der richtige Weg aussieht. Du musst nicht in bestehende Modelle passen. Baue dir dein eigenes. Interview: Ass. jur. Anja Jönsson Annika Seebach ist Rechtsanwältin und Notarin in Kassel. Mit ihrer Initiative „Give a girl a robe“ will sie junge Juristinnen für den Beruf als Anwältin begeistern. Foto: Seebach Frey & Partner

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