BRAK-Magazin Ausgabe 2/2026

BRAK MAGAZIN 2/2026 11 MAN MUSS NICHT SOFORT ALLES KÖNNEN Rechtsanwältin Melissa Sinan, Nürnberg Noch bis zum Ende meines Referendariats hätte ich nicht gedacht, dass Selbstständigkeit für mich ein realistischer Weg sein könnte. Zu groß erschienen wirtschaftliche Risiken, zu unberechenbar die Arbeitszeiten. Wenn man zudem – wie ich – nicht aus einem Umfeld kommt, in dem juristische oder unternehmerische Laufbahnen vorgelebt werden, wirkt ein solcher Schritt umso weniger greifbar. Kurz nach dem zweiten Staatsexamen im Juni 2025 fragte mich mein Mann, ob wir uns gemeinsam selbstständig machen wollen. Ich sagte trotz mulmigen Gefühls zu. Danach ging alles Schlag auf Schlag: Businessplan, Versicherungen, Altersvorsorge, Mandantenakquise. VOM ZÖGERN ZUM SCHRITT Eigentlich wollte ich bis vor einem Jahr nicht einmal Anwältin werden. Wegen meines Interesses am öffentlichen Recht zog es mich ursprünglich eher in die Verwaltung. Dorthin, wo Sicherheit und geregelte Arbeitszeiten vermeintlich selbstverständlich sind. Erst als ich mich gefragt habe, was ich mir wirklich von meinem Berufsleben wünsche, wurde mir klar, dass ich flexibel sein und selbst entscheiden wollte, welche Mandate ich annehme und wann und wo ich arbeite. Ich wollte nicht in ein bereits bestehendes System eintauchen, das womöglich gar nicht zu meiner Arbeitsweise passt. Selbstständigkeit bedeutet für mich nicht, weniger zu arbeiten, sondern die Freiheit zu haben, die eigene Arbeit selbst zu gestalten und auch mal „Nein“ sagen zu können. Gleichzeitig habe ich verstanden, dass auch eine Anstellung nicht zwangsläufig sicherer ist. Denn auch dort hängt die berufliche Zukunft von wirtschaftlichen Entscheidungen anderer ab. SELBSTBESTIMMT, ABER NICHT OHNE HÜRDEN Natürlich bringt Selbstständigkeit Herausforderungen mit sich. Die fehlende Struktur kann zu Beginn sehr belastend sein. Hinzu kommen finanzielle Fragen. Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass sich vieles besser steuern lässt, als man zunächst denkt. Entscheidend ist, den Überblick zu behalten. Am Anfang kommt es nicht darauf an, sofort in aufwendiges Inventar zu investieren, sondern vielmehr mit einer soliden Arbeitsgrundlage zu starten. Strukturelle Hürden für Frauen in der Selbstständigkeit zeigen sich aus meiner Sicht darin, dass Fragen der Familienplanung – auch aus biologischen Gründen – mehr mitgedacht werden müssen. In der Selbstständigkeit ist das nicht nur eine private Angelegenheit, sondern berührt auch die berufliche Planung und die Frage, wie mögliche Ausfallzeiten aufgefangen werden können. Natürlich betrifft das auch Männer. Statistiken zeigen jedoch, dass die berufliche Entwicklung bei der Familiengründung vor allem bei Frauen in den Hintergrund tritt. HINEINWACHSEN IN DIE ROLLE Überrascht hat mich, wie sehr der Anwaltsberuf über das rein Juristische hinausgeht. Es geht nicht nur um Schriftsätze und Fristen, sondern auch um Kommunikation und Einfühlungsvermögen. Gerade im Migrationsrecht erlebe ich, dass Menschen nicht nur rechtliche Unterstützung benötigen, sondern jemanden, der zuhört, behördliche Vorgänge verständlich erklärt und Sicherheit vermittelt. Meinen türkischen Migrationshintergrund empfinde ich dabei als Vorteil. Die juristische Ausbildung vermittelt eine solide fachliche Grundlage, ist aber noch immer stark auf die Justiz ausgerichtet, obwohl viele Absolventen später in die Anwaltschaft oder in Unternehmen gehen. Zwar bieten die Stationen auch Einblicke, in der Realität werden sie aber von der Examensvorbereitung überlagert. Gerade deshalb hätte ich mir eine stärkere Auseinandersetzung mit Themen wie strategischem Schreiben und wirtschaftlichem Denken gewünscht. Die selbstständige Anwaltschaft gewinnt Frauen nicht durch Appelle, sondern durch Sichtbarkeit und ehrliche Einblicke, denn es wird Tage geben, an denen nicht alles rund läuft. In sozialen Netzwerken geben inzwischen immer mehr selbstständige Anwältinnen solche Einblicke in ihren Berufsalltag. Das war für mich gerade zu Beginn sehr hilfreich, weil ich gesehen habe, dass man nicht von Anfang an alles können muss, sondern in diese Rolle hineinwächst. Melissa Sinan ist seit Oktober 2025 Rechtsanwältin in eigener Kanzlei in Nürnberg. Foto: Kanzlei Sinan

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