BRAK MAGAZIN 2/2026 10 MIT JURA KANN MAN ALLES MACHEN, ODER? Rechtsreferendarin Ines Garritsen, Hannover Als ich mit dem Abitur in der Tasche überlegte, wohin die berufliche Reise gehen soll, hörte ich immer wieder das altbekannte Mantra: „Mit Jura kannst du alles machen.“ Das mag zwar stimmen (ich arbeite gerade noch am zweiten Examen – werde dann berichten), was aber niemand so richtig dazu gesagt hat, war: Jura musst du erstmal schaffen. Doch genau darin liegt das Problem: Wie bewältigt man ein Studium, das dringend reformbedürftig ist und zugleich wenig Raum für Orientierung lässt, wenn man noch gar nicht weiß, wohin man eigentlich will? Wenn man erstmal das eigene Ziel, die eigene Motivation finden muss? „Alles machen können“ ersetzt keine klare Perspektive. SURFSCHULE AUF BALI ODER DOCH LIEBER DAS BÜCHERCAFÉ IN AMSTERDAM? Meine persönliche Antwort darauf war: ausprobieren. Wenn der Leistungsdruck zu groß wurde und Versagensängste aufkamen, entwarf ich gedanklich Karrierepläne von A bis Z. Zwischen der Surfschule auf Bali und dem Büchercafé in Amsterdam tauchten dann überraschend realistische Ideen auf. Was kann ich gut? Reden. Was noch? Komplexe rechtliche Zusammenhänge verständlich erklären. Was weniger? Klassische Gutachten im universitären Stil. Die Konsequenz: juristische Inhalte in neue Formate übersetzen. Daraus entstand u.a. der Podcast„Jura und Trash“ gemeinsam mit Stephanie Beyrich. Vor allem aber fand ich mein persönliches „Darum!“ auf die ewige Frage nach dem „Warum?“. Dieses „Darum“ trägt durch ein System, das oft nach dem Prinzip „Alles oder nichts“ funktioniert. Dabei ist das Studium aus fachlicher Sicht teilweise nicht mehr geeignet, Studierende auf das Berufsbild von Juristinnen und Juristen im 21. Jahrhundert vorzubereiten, sondern zudem auch sehr exklusiv. Um nicht gänzlich unterzugehen, braucht man Eigenschaften und Fähigkeiten, die insbesondere Frauen häufig entweder früh abtrainiert oder gar nicht beigebracht werden: ein gesundes Maß an Selbstvertrauen, den Mut, zur eigenen Position zu stehen und die Gelassenheit, selbstverständlich „gut gemeinte“ Ratschläge besserwisserischer Kommilitonen zu ignorieren. REFORMEN BRAUCHT DAS STUDIUM Genau hier setzen Reformvorschläge u.a. von iur. reform an: – Unabhängige Zweitkorrekturen der schriftlichen Examensklausuren, – die Einführung des E-Examens, – die Erweiterung von Prüfungsstoff nur bei Streichung von bereits Existierendem, – die Förderung alternativer Prüfungsformate und Unterrichtsformen, – bessere Betreuung und psychologische Unterstützung, um dem hohen Druck strukturell zu begegnen, – regelmäßiges Monitoring des Jurastudiums im Hinblick auf etwaigen Reformbedarf. Solche Ansätze würden nicht nur das Studium fairer machen, sondern auch individuelleres Lernen ermöglichen. DAS„WARUM“ NACH DEM STUDIUM Hat man seinen inneren Antrieb gefunden und sich erfolgreich durch das Studium gebracht, steht man am Ende dennoch wieder vor der Frage: Was nun, mit all den Möglichkeiten? Für mich liegt die Antwort wieder im „Warum“. Recht und Kommunikation zu verbinden ist also die Mission. Der Anwaltsberuf erscheint mir deshalb besonders reizvoll: zum einen die fachliche Tätigkeit selbst, zum anderen aber auch Freiheit und Flexibilität, die Möglichkeit, als „Übersetzerin“ komplexe Inhalte verständlich zu vermitteln und meine Kompetenzen in der Kommunikation weiter auszubauen. Genau das erwarte ich auch von einem Arbeitgeber in der Anwaltschaft: Neugier und Aufgeschlossenheit, das Vertrauen, mir den Spielraum zu geben, den ich für meine Weiterentwicklung benötige – auch abseits klassischer juristischer Pfade. Und last but not least: aktive Unterstützung beim Optimieren und Fortentwickeln meiner Fähigkeiten. Nicht mehr und nicht weniger, als mir die Möglichkeit zu geben, mich zur besten Version meines juristischen Selbst zu entwickeln. „Mit Jura kannst du alles machen“ – vielleicht stimmt das. Aber erst, wenn das System es zulässt, eigene Wege zu finden und zu gehen. Ines Garritsen hat Jura in Hannover studiert, ist derzeit im Referendariat und engagiert sich u.a. als Podcast Host („Jura und Trash”) für juristische Themen in den sozialen Medien.
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