BRAK-Magazin 4/2026

BRAK MAGAZIN 4/2026 8 DEN KANZLEINACHWUCHS VON ANFANG AN BEGEISTERN Warum ein strukturiertes Onboarding von Auszubildenden ein Schlüssel gegen die Abbrecherquote ist Ronja Tietje, Kanzleiberaterin und Vorstandsmitglied von RENO Bremen e.V. Die Gewinnung von Auszubildenden im Bereich der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten gleicht im heutigen Marktumfeld einem Marathon. Wer nach intensiver Suche, ein paar Bewerbungsgesprächen und dem final unterzeichneten Ausbildungsvertrag glaubt, das Ziel erreicht zu haben, irrt jedoch. Der eigentliche Sprint beginnt erst jetzt. Die freien Berufe kämpfen seit Jahren mit einem unterschätzten Problem: einer besorgniserregend hohen Abbrecherquote von Ausbildungsverhältnissen bereits in den ersten Monaten (also innerhalb der Probezeit). Ein Hebel, um diesem Trend entgegenzuwirken, ist ein professionelles, strukturiertes und gut durchdachtes Onboarding. Denn Ausbildung ist kein bürokratischer Selbstläufer, sondern ein strategisches Kanzleiprojekt, das weit vor dem ersten Arbeitstag beginnt und nur als Teamleistung gelingen kann. DIE PREBOARDING-PHASE: KONTAKTHALTEN ALS BINDUNGSINSTRUMENT Die Zeitspanne zwischen der Vertragsunterzeichnung – häufig im Frühjahr – und dem tatsächlichen Ausbildungsstart im August oder September birgt ein hohes Risiko. In dieser Phase des sogenannten „Preboardings“ entsteht häufig ein kommunikatives Vakuum. Junge Menschen, die sich in einer Umbruchphase zwischen Schule und Berufsleben befinden, verunsichert das. Erhalten sie monatelang kein Lebenszeichen der Kanzlei, schwindet die Identifikation, noch bevor sie überhaupt begonnen hat. Schlimmer noch: Konkurrierende Betriebe nutzen diese Zeit, um gute, eigentlich schon anderweitig gebundene Talente doch noch für sich zu gewinnen. Ein sorgfältiges Auswahlverfahren darf daher nicht abrupt enden. Erfolgreiche Kanzleien halten den Kontakt aktiv. Das bedeutet keineswegs wöchentliche Pflichttermine, sondern smarte, wertschätzende Impulse. Ein kurzes Willkommenspaket per Post mit einem Kanzlei-Notizblock, einer Einladung zum Sommerfest oder einem Gruß des Teams zum Geburtstag signalisiert: „Wir freuen uns auf Sie.“ Auch die Weitergabe von ersten organisatorischen Informationen – wann genau geht es am ersten Tag los, wer ist der Ansprechpartner, wie sieht der Dresscode aus? – nimmt die spürbare Nervosität und baut eine emotionale Brücke zur Kanzlei. DER ERSTE TAG: WILLKOMMENSKULTUR STATT KALTES WASSER Der erste Ausbildungstag prägt die Wahrnehmung des neuen Arbeitsplatzes nachhaltig. Das sprichwörtliche „Werfen ins kalte Wasser“, bei dem der Auszubildende an einen provisorischen Schreibtisch gesetzt wird, während um ihn herum der hektische Kanzleialltag tobt, ist der beste Nährboden für eine schnelle Kündigung. Eine gelebte Willkommenskultur sieht anders aus. Am ersten Tag sollte der Arbeitsplatz vollständig eingerichtet sein. Dazu gehören ein funktionierender PC, eingerichtete E-Mail-Adressen (ggf. zunächst für den internen Gebrauch), Zugänge zur Fachsoftware und bereitliegende Schreibutensilien. Ein strukturierter Ablaufplan für die erste Woche gibt Orientierung. Ein gemeinsames Mittagessen mit dem Team oder einem festen „Paten“ bricht das Eis – das muss nicht zwingend der verantwortliche Ausbilder sein, sondern könnte beispielsweise auch ein Auszubildender aus einem höheren Lehrjahr sein. Der Fokus Foto: OPOLJA/shutterstock.com

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