BRAK-Magazin Ausgabe 2/2026

BRAK MAGAZIN 2/2026 6 DIE GLÄSERNE DECKE BLEIBT IBA-Report 2026: Strukturelle Defizite bremsen Anwältinnen weiterhin aus Ass. jur. Anja Jönsson, BRAK, Berlin Wie erleben Juristinnen weltweit ihren Berufsalltag – und was hält sie davon ab, Karriere zu machen? Dieser Frage geht die International Bar Association (IBA) in der zweiten Phase ihres Projekts „Raising the Bar: Women in Law“ nach, deren Ergebnisse im März 2026 veröffentlicht wurden. Mit rund 5.000 Antworten von Juristinnen aus Anwaltschaft, Inhouse-Positionen, öffentlichem Sektor und Justiz liefert der Report ein umfassendes Bild der globalen Rechtsbranche aus weiblicher Perspektive. Methodisch setzt der Report andere Akzente als klassische Gleichstellungsstudien: Statt v.a. Repräsentationsquoten zu betrachten, analysiert er die Erfahrungen, Belastungen und Karrierebedingungen von Frauen im juristischen Alltag. Befragt wurden zwischen März und Juni 2025 nicht nur aktiv tätige Juristinnen, sondern auch Frauen, die den Rechtsberuf in den vergangenen fünf Jahren verlassen haben. Rund 55 % der Teilnehmenden waren in Anwaltskanzleien (private practice lawyers) beschäftigt. Weitere 11 % arbeiteten im öffentlichen Dienst (government/public sector lawyers), ca. 10 % als Prozessanwältinnen und Rechtsbeistände (barristers and advocates), 9 % als Unternehmensjuristinnen und 8 % an Gerichten. 63 % der Befragten verfügten über mehr als zehn Jahre Berufserfahrung, weitere 17 % über sechs bis zehn Jahre. PRÄSENT, ABER SELTEN AN DER SPITZE Die Ergebnisse bestätigen einen bekannten Befund: Frauen sind in Rechtsberufen breit vertreten, in Führungspositionen jedoch weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Die vielfach beschriebene „gläserne Decke“ zeigt sich auch im aktuellen Datenmaterial als stabiles Strukturmerkmal. Hindernisse sind dabei tief in der Organisation des Berufs verankert. Die Umfrage macht deutlich, dass sich die beruflichen Erfahrungen vieler Juristinnen durch wiederkehrende Belastungsfaktoren auszeichnen: geschlechtsspezifische Diskriminierung, Mobbing und sexuelle Belästigung, ungleiche Vergütung, eingeschränkte Aufstiegsperspektiven, hohe Arbeitsbelastung bis hin zu Burnout. Hinzu kommt der anhaltende Druck, berufliche Anforderungen mit familiären Verpflichtungen zu vereinbaren – ein Spannungsfeld, das sich durch alle Rechtsordnungen und Tätigkeitsbereiche zieht. WAS HILFT – UND WO GRENZEN BLEIBEN Flexible Arbeitsmodelle sind für 33 % der Befragten der wichtigste positive Karrierefaktor; Coaching- und Mentoringprogramme nennen 20 %. Ihre Wirkung bleibt jedoch begrenzt, wenn sie nicht fest in der Organisationskultur verankert sind. Unterstützungsangebote für Pflegeverantwortung, Elternschaft oder gesundheitliche Lebensphasen wie die Menopause bestehen bislang vielerorts nur punktuell. CARE-ARBEIT ALS STRUKTURELLES KARRIEREHINDERNIS Ein zentraler Befund betrifft die Belastung durch Care-Arbeit. Etwa die Hälfte der Befragten hat Kinder, rund 40 % tragen zusätzlich Pflegeverantwortung. Diese Doppelbelastung wirkt sich unmittelbar auf Karriereverläufe aus und verstärkt bestehende Ungleichheiten. Der Bericht macht deutlich, dass Gleichstellung ohne systematische Vereinbarkeitslösungen nicht erreichbar ist. Auch die Analyse der Austrittsgründe zeigt strukturelle Defizite in der Arbeitskultur. Viele Frauen verlassen den Beruf nicht aus mangelnder Motivation, sondern wegen unzureichender Rahmenbedingungen: fehlende Unterstützung der psychischen und physischen Gesundheit, unzureichende Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Diskriminierungserfahrungen und begrenzte Entwicklungsperspektiven. MEHR ALS SYMPTOMBEHANDLUNG GEFRAGT Die Forderungen der Befragten sind eindeutig: Lohngerechtigkeit und Transparenz, stärkere Unterstützung mentaler Gesundheit, gezielte Förderung von Eltern und pflegenden Angehörigen, bessere Weiterbildungszugänge und lebenslagensensible Angebote. Der IBA-Report fasst das in eine übergreifende Botschaft: Es reicht nicht, einzelne Stellschrauben zu justieren. Gefragt ist ein kultureller und organisatorischer Wandel – einer, der Gleichstellung nicht als Quotenfrage begreift, sondern als Frage fairer Rahmenbedingungen für alle. Foto: International Bar Association

RkJQdWJsaXNoZXIy ODUyNDI0