BRAK MAGAZIN 1/2026 10 GERECHTIGKEIT BRAUCHT EINEN LANGEN ATEM Zum Tag des verfolgten Anwalts am 24. Januar Rechtsanwältin Dr. Tanja Nitschke, Mag. rer. publ., BRAK, Berlin „Macht steht nicht über dem Recht.“ Die Worte von Professor Dr. Christoph Safferling hallten nach, noch lange nachdem der Applaus verklungen war. Sie mischten sich in den feinen Klangteppich, den der Musiker und Komponist Hans Schanderl mit seinem Cello über den Saal legte – Zeit, das Gehörte sacken zu lassen. Bis auf den letzten Platz war der Schwurgerichtssaal 600 im Nürnberger Justizpalast am 24.1.2026 gefüllt bei der traditionellen Nürnberger Veranstaltung zum internationalen Tag des verfolgten Anwalts. So voll, dass (ausnahmsweise!) selbst die historische Anklagebank besetzt war und viele Interessierte abgewiesen werden mussten. Darauf wies Christine Roth hin, als sie im Namen von Amnesty International Nürnberg die Veranstaltung eröffnete und zahlreiche Ehrengäste aus Justiz, Anwaltschaft und Politik begrüßte. AKTUELLER DENN JE Selten erfuhr eine Veranstaltung zu diesem Gedenktag so riesigen Zuspruch – er zählt sonst eher nicht zu den „Blockbustern“. Der Gedenktag wurde von europäischen Anwaltsvereinigungen ins Leben gerufen und knüpft an die Ermordung spanischer Gewerkschaftsanwälte im Jahr 1977 an. Jedes Jahr erinnert er an die Schicksale von Anwältinnen und Anwälten, die wegen ihrer Tätigkeit bedroht, inhaftiert und verfolgt werden. Dabei steht jeweils ein Land im Fokus. 2026 sind es die USA, wo seit einem Jahr der Rechtsstaat in erschreckender Weise erodiert. Doch auch andernorts steht der Rechtsstaat aktuell unter enormem Druck – im Iran etwa, wo das Regime Proteste brutal niederschlägt, oder in der Türkei, wo seit Anfang 2025 der Vorstand der Rechtsanwaltskammer von Istanbul wegen Terrorverdachts vor Gericht steht (dazu Haug im Editorial dieses Hefts). Doch das sind nur zwei Beispiele von vielen. Kein Wunder also, dass auch die Diskussionsveranstaltung restlos ausgebucht war, die von der Rechtsanwaltskammer Berlin gemeinsam mit Anwaltsorganisationen anlässlich des Gedenktags am 27.1.2026 in Berlin organisiert wurde. Im Fokus: die USA. Die Anwältin Rachel Cohen, die mutig gegen die repressiven „Deals“ der US-Regierung mit Kanzleien protestiert hatte, und der Bürgerrechtsanwalt Ben Wizner, dessen Organisation American Civil Liberties Union zahlreiche Klagen gegen „Executive Orders“ der Trump-Regierung führte und gewann, illustrierten und analysierten die jüngsten Entwicklungen mit klugen und kämpferischen Worten. DIE FRAGE NACH DEM SINN Doch was bringt eigentlich so eine Gedenkveranstaltung weit weg – in Nürnberg oder Berlin? Der Präsident der mitveranstaltenden Rechtsanwaltskammer Nürnberg, Dr. Uwe Wirsching, brachte es in seinem Grußwort auf den Punkt: Zum einen zeigt sie die Solidarität (nicht nur) der Anwaltschaft mit den Kolleginnen und Kollegen, die sich für verfolgte Personen, für Recht und Gerechtigkeit einsetzen und dafür nicht nur soziale und wirtschaftliche Nachteile in Kauf nehmen, sondern oft auch ihre Freiheit, ihre Gesundheit oder gar ihr Leben riskieren. Dass Kollegenschaft und Öffentlichkeit sie wahrnehmen, gibt ihnen Kraft und Durchhaltevermögen. Und zum anderen wird den Machthabenden signalisiert: Ihr rechtswidriges Handeln bleibt nicht ungesehen. Eindringlicher kann man kaum erklären, warum es wichtig ist, dass die deutsche Anwaltschaft sich für bedrohte Kolleginnen und Kollegen einsetzt. Deshalb unterstützen die Nürnberger und die Berliner Kammer seit vielen Jahren Veranstaltungen zum Gedenktag. Und deshalb war die BRAK Teil einer internationalen Beobachtungsmission bei dem Prozess gegen den Istanbuler Kammervorstand – durchaus mit Erfolg, wie Haugs Bericht zeigt. EIN HISTORISCHER ORT Die Nürnberger Veranstaltung fand an einem besonderen Ort statt: im Schwurgerichtssaal 600 des Nürnberger Justizpalasts – dem Schauplatz der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Heute ist der Saal ein Gedenkort, das „Memorium Nürnberger Prozesse“. Nina Lutz, die Leiterin des Memoriums, illustrierte in ihrem Grußwort, wie der Saal erst Ausdruck eines modernen Rechtssystems war, ab den 1920er Jahren zur politischen Bühne wurde und später zur Geburtsstätte des modernen Völkerstrafrechts – und ein starkes Symbol, weil in Hitlers „Stadt der Reichsparteitage“ das NS-Regime vor Gericht stand. Angesichts des Drucks, unter dem der Internationale Strafgerichtshof derzeit steht, passt dieser Ort viel besser zum „Tag des verfolgten Anwalts“, als manch einem Gast zu Beginn des Abends klar war. Über eben diesen Druck sprach Professor Dr. Christoph Safferling, Direktor der Internationalen Akademie Nürnberger Prinzipien, in seinem Festvortrag.
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