BRAK-Magazin 4/2020

15 BRAK MAGAZIN 04/2020 Berichtet wurde auch, dass die Corona-Pan- demie die Defizite in der Digitalisierung der Justiz aufgezeigt hat. Die europäischen und die asiati- schen Länder haben hier den anderen Jurisdiktio- nen einiges voraus. Auch bei ihnen bestehe aber weiterhin sehr viel Entwicklungsspielraum und Handlungsbedarf. Ausnahmslos alle Anwaltsorganisationen ha- ben sich für eine finanzielle Unterstützung der An- waltschaft in ihren Ländern eingesetzt, manche mit mehr, andere mit weniger Erfolg. Allerdings ergab eine während der Online-Konferenz durch- geführte Umfrage, dass diese Hilfen nur einen Tropfen auf den „heißen Stein“ darstellen. So ga- ben 50 % der Befragten an, dass gerade kleine Anwaltskanzleien und Einzelanwälte mit langfris- tigen Liquiditätsengpässen zu kämpfen haben werden. 46 % gingen davon aus, dass die Schä- den zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar seien. Nur 4 % der Befragten schätzten, dass die finanziellen Hilfen der einzelnen Jurisdiktionen die Schäden werden abfedern können. Positive Trends lagen nach Ansicht der Teilneh- menden in den rasanten Entwicklungen im Bereich digitaler Kommunikation. 94 % der Befragten ga- ben an, dass die Krise Chancen für Fortschritte in den Bereichen E-Justice und Digitalisierung mit sich gebracht hat. Trotz der überwiegend starken Beeinträchtigungen bleiben die Anwaltschaften davon überzeugt, dass sich die Lage spätestens 2021 wieder stabilisieren und normalisieren wird. Dann werden voraussichtlich auch wieder inter- nationale Reisen erlaubt und persönliche Treffen möglich sein. VERANSTALTUNG MIT DEN JUNGEN ANWÄLTEN NORDAFRIKAS Die BRAK veranstaltete am 20.7.2020 einen weite- ren Runden Tisch mit den jungen Anwälten Nord- afrikas und der International Association of Young Lawyers (AIJA). Die Veranstaltung wurde gleich in drei Sprachen (arabisch, deutsch und französisch) verdolmetscht und erhielt einen Livestream. Auf diese Weise konnten weit mehr als 3.000 Anwäl- tinnen und Anwälte aus Nordafrika den Runden Tisch miterleben. Die Anwältinnen und Anwälte aus Marokko, Algerien, Libyen und Ägypten spra- chen über die großen Herausforderungen, die sie gerade auch wirtschaftlich zu überwinden haben. So war erstaunlich, dass etwa die Anwaltskam- mern Marokkos einen Hilfsfonds für ihre Mitglie- der eingerichtet haben. Auch wurde deutlich, dass die Corona-Pandemie die derzeitigen Probleme nicht hervorgerufen, jedoch verschlimmert hat. Einhellig war, dass ein Lösungsansatz die ver- stärkte Digitalisierung der Anwaltschaft und Jus- tiz bedeuten müsse. Insoweit sei die umfassende Etablierung eines elektronischen Rechtsverkehrs in den Ländern zur Überwindung einiger Haupt- hürden für die Anwaltschaften essenziell. So plä- dierte etwa Rebekka Stumpfrock, die deutsche Repräsentantin der AIJA, für eine Etablierung der Digitalisierung in die Anwaltsausbildung. Nur so könne auch in Deutschland eine bessere Annah- me von digitalen Möglichkeiten erfolgen. PIONIERARBEIT FÜR INTERNATIONALE ONLINE-KONFERENZEN Die BRAK stand in den Monaten Juni und Juli im- mer wieder vor technischen Herausforderungen. Zunächst galt es, ein Studio in der BRAK einzurich- ten, um den Veranstaltungen ein professionelles Setting zu verleihen. Dann musste sich das Team unter enormem Zeitdruck mit technischen Fein- heiten zur Verdolmetschung in mehrere Sprachen auseinandersetzen und Möglichkeiten schaffen, wie Veranstaltungen auf YouTube und Facebook live gestreamt werden können. In der Krise hat sich gezeigt, dass es der brei- ten Masse der Anwaltschaft wichtig ist, sich mit den aktuellen Themen auseinanderzusetzen, und das auch im grenzübergreifenden Kontext. Über die neuen Online- und Streaming-Formate sind die Veranstaltungen einer großen Zahl von Inter- essierten präsentiert worden. Dazu galt es, einen technischen Support einzurichten und viel Zeit für Proben und Ablaufbesprechungen aufzuwenden. Hier wurde echte Pionierarbeit geleistet. Die Runden Tische waren die ersten internati- onalen Online-Veranstaltungen der BRAK. Es ist erfreulich, dass es in sehr kurzer Zeit gelungen ist, derart viele hochrangige Gäste und Redner zu gewinnen und einen Austausch zu den Krisener- fahrungen von Anwaltschaften aus aller Welt zu ermöglichen – trotz oder vielmehr gerade wegen Corona. Die BRAK wird sich auch in Zukunft um regen Erfahrungsaustausch mit internationalen Kolleginnen und Kollegen bemühen. BRAK-Präsident Dr. Ulrich Wessels und Referentin Swetlana Schaworonkowa bei der Bar Leaders‘ Round Table

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